Veraltete Konzepte, marode Infrastruktur, frustrierte Lehrer: Lehren und Lernen in Lateinamerika finden unter schwierigen Bedingungen statt – zumindest für diejenigen im staatlichen Bildungssystem.

Schule in Lateinamerika: Ein System kurz vor dem Kollaps

Veraltete Konzepte, marode Infrastruktur, frustrierte Lehrer: Lehren und Lernen in Lateinamerika finden unter schwierigen Bedingungen statt – zumindest für diejenigen im staatlichen Bildungssystem.

Unser Interviewpartner Markus Streit arbeitet seit 16 Jahren als Bildungsexperte für Lateinamerika und hat insgesamt zwei Jahre mit seiner Familie in der Region verbracht. Derzeit ist er pädagogischer Koordinator für die nph-Kinderhilfe.

nph: Wie kann man sich den Unterricht an staatlichen Schulen in Lateinamerika praktisch vorstellen?

Markus Streit: „Man darf natürlich nicht verallgemeinern, aber einige Dinge sind schon anders als in Deutschland. Zunächst mal ist das Unterrichtsniveau einfach niedriger. Das zeigen auch aktuelle Studien, beispielsweise der Weltbank und der UNESCO. Viele Kinder können nach der Grundschule nicht lesen und schreiben, und da es oftmals kein Sitzenbleiben gibt – und damit nicht die Chance, Gelerntes zu vertiefen – werden Kinder durchs Schulsystem geschleust, ohne die Inhalte richtig zu verinnerlichen. Wie bei uns vor vielen Jahrzehnten, setzt der Lehrplan aufs Wiedergeben von Inhalten, weniger aufs Verstehen und Hinterfragen.“

nph: Welche Gründe gibt es noch dafür, dass nicht alle Kinder in Lateinamerika eine gute Schulbildung bekommen?

Markus Streit: „Die Klassen sind sehr voll. In Honduras kenne ich ein Beispiel, wo eine Lehrkraft alleine Unterricht in einem Schulraum für insgesamt 36 Kinder der Klassen 1 bis 6 abhält. Das geht sehr chaotisch zu. – Generell kann man sagen, dass das Bildungssystem in den großen Städten besser ist. Der Nahverkehr ist besser, die gesamte Infrastruktur ... Anderseits gibt es in vielen Städten auch Bandengewalt, Diebstähle und Bedrohungen, die dazu führen, dass Kinder nicht alleine zur Schule gehen können und auch in der Schule Gewalt erleben. Die Gewalt ist besonders in Mittelamerika extrem schlimm.“

Für die Schülerinnen und Schüler muss ein sicherer Schulweg gewährleistet sein, wie hier im nph-Kinderdorf in Peru.

„Armut ist das größte Bildungsproblem.“

nph: Schulen sind also teilweise schlecht ausgestattet, das Lernumfeld schwierig ...

Markus Streit: „Das zweite große Problem der öffentlichen Schulen ist, dass die Lehrer oftmals selbst nicht gut ausgebildet sind und häufig fehlen. Das kann an Streiks oder Unruhen liegen, aber auch daran, dass sie ihr Gehalt durch Zweitjobs aufbessern müssen. Häufig stellen wir zudem fest, dass die Lehrerinnen und Lehrer schlicht überfordert sind. Auf Seiten der Kinder und ihrer Familien ist Armut sicher das größte Problem, und das in doppelter Hinsicht. Kinder müssen teils schon arbeiten und zum Familieneinkommen beitragen, weshalb sie nicht zur Schule gehen können. Dazu kommt, dass die Familien oft schlicht kein Geld für Schulmaterialien, Bücher und die obligatorische Schulkleidung haben. Grob gesagt, haben Arme einen schlechten Zugang zu schlechter Bildung, während wohlhabende, meist urbane Schichten ihre Kinder auf gute Privatschulen schicken können.“

In Lateinamerika können die Familien häufig die einheitliche Schulkleidung und die Lernmaterialien nicht finanzieren. In den nph-Schulen übernehmen das die Spender und Unterstützer aus der ganzen Welt. Im Bild: Eine Lernsituation in Guatemala.

nph: Welchen Stellenwert hat Bildung in Lateinamerika?

Markus Streit: „Insgesamt kann man sagen, dass Bildung in den lateinamerikanischen Gesellschaften einen geringeren Stellenwert einnimmt. Natürlich unterscheidet sich das auch von Land zu Land. Peru oder Mexiko, um zwei herauszugreifen, legen Wert auf ein gutes Bildungssystem. Zudem gibt es beispielsweise auch in allen Ländern, wo wir tätig sind, Bestrebungen, das Lernen frühstmöglich anzusetzen und 4- bis 5-jährige Kinder schon vor der eigentlichen Grundschule in einer Art Vorschule recht intensiv zu unterrichten. Die Verschulung der frühkindlichen Bildung geht so weit, dass wir in Peru derzeit einen Spielplatz bauen, damit die Kinder nach dem Kindergarten mal so richtig toben können.“

„Wir unterhalten eigene Schulen und unterstützen auch die Eltern.“

nph: Wie organisiert sich nph in dieser schwierigen Gesamtsituation?

Markus Streit: „Wir unterhalten an fast allen Standorten nph-eigene Schulen, teilweise auch Kindergärten, Elternzentren oder Lehrwerkstätten. Wir unterstützen also auch die Eltern dabei, ihren Kindern das Lernen erst zu ermöglichen – zum Beispiel indem sie ihnen einen Platz und Ruhe für die Hausaufgaben einräumen. Durch Gesundheitszentren in unseren Kinderdörfern können wir sicherstellen, dass die Kinder gesund und körperlich fit sind; über unsere Verpflegung ist gewährleistet, dass sie nicht mit knurrendem Magen im Unterricht sitzen. Zudem behandeln und bezahlen wir die Lehrer gut, die dann motivierter sind als im staatlichen Schuldienst, auch wenn sie nach dem staatlichen Lehrplan arbeiten.“

Die Lehrkräfte an den nph-eigenen Schulen unterrichten nach staatlichem Lehrplan. So ist sichergestellt, dass die Kinder einen staatlichen Abschluss bekommen und weitergehende Schulen besuchen können.

nph: Aber das Ganze ist kein geschlossenes System ...

Markus Streit: „Nein, wir gehen immer mehr dazu über, unsere Infrastruktur für die umliegenden Gemeinden zu öffnen. So kommen beispielsweise in Nicaragua und Guatemala auf 70 Kinder im Kinderdorf jeweils weitere 140 Externe, die nur den Tag in unseren Einrichtungen verbringen. So profitieren nicht nur die Kinder und Jugendlichen, die bei uns leben, sondern auch die Jungen und Mädchen aus armen Familien aus der Nachbarschaft. Dabei legen wir besonderen Wert darauf, der Diskriminierung von Minderheiten und von Mädchen entgegenzuwirken. Zum Beispiel versuchen wir, Mädchen zu stärken und durch Aufklärung vor ungewollten Schwangerschaften im Teenagealter zu bewahren.“

So funktioniert Schule in Lateinamerika

In der Regel gibt es zwei Schulen, von der Klasse 1 bis 6 die Grundschule, von der 7 bis zur 12 die Sekundarschule. Der Schulabschluss heißt Bachillerato. Dieses System gilt für alle Schüler, es gibt keine anderen Schularten – allerdings auch keine individuelle Förderung. Für ein Fachabitur, ein technisches Bachillerato, fokussieren sich die Jugendlichen bereits auf der Schule auf ein technisches Fach, Pflege, Tourismus oder Landwirtschaft. Damit können sie in einigen Berufsfeldern bereits als Hilfskräfte arbeiten. Es gibt staatliche Schulen mit – meist – schlechtem Unterrichtsniveau und teurere Privatschulen mit besserem Niveau.
 

29.08.2019

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